Im Projekt „Fokus PrävEx“ setzt Violence Prevention Network verschiedene Maßnahmen zur Prävention und Deradikalisierung im niedersächsischen Strafvollzug und in der Bewährungshilfe um. Neben Angeboten für Inhaftierte gehören auch Formate für Fachkräfte dazu, die tagtäglich mit herausfordernden Situationen umgehen müssen. 2025 wurde in diesem Rahmen ein neues Angebot entwickelt: Reflexionsberatungen für Bedienstete der Sicherheitsstationen in niedersächsischen Justizvollzugsanstalten.
Ein anspruchsvolles Arbeitsfeld
Der Dienst auf einer Sicherheitsstation in einer Justizvollzugsanstalt bringt besondere Belastungen mit sich: Schichtdienst, Konfrontationen mit schwierigen oder auch gefährlichen Situationen sowie die gleichzeitige Verantwortung, Sicherheit zu gewährleisten und Resozialisierung zu fördern. All das prägt den Berufsalltag der Bediensteten.
Um sie bei dieser anspruchsvollen Aufgabe zu unterstützen, bietet Violence Prevention Network seit Anfang 2025 sogenannte Reflexionsberatungen an. Mit dem Angebot werden Räume geschaffen, um Belastungen offen und fernab des gewohnten Arbeitsumfelds zu besprechen. Darüber hinaus wird die Handlungssicherheit der Teilnehmenden gestärkt und der kollegiale Austausch gefördert.
Aufbau und Inhalte
Durchgeführt werden die Beratungen von Psycholog*innen aus dem Fachbereich Psychotherapie von Violence Prevention Network zusammen mit pädagogischen Mitarbeitenden aus dem niedersächsischen Haftprojekt. In ein- bis zweitägigen Gruppenseminaren lernen die Teilnehmenden, wie Stress entsteht, welche Auswirkungen Belastungssituationen haben können und welche Strategien helfen, mit diesen umzugehen. Themen wie Selbstfürsorge, Stressreduktion und Burnoutprävention spielen dabei ebenso eine Rolle wie Teamdynamik und die Kommunikation im Arbeitsalltag.
Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf dem Umgang mit psychischen Störungen. Die Reflexionsberatungen vermitteln Grundlagenwissen, greifen verbreitete Mythen über psychischen Störungen auf und erläutern mögliche Wechselwirkungen zwischen psychischer Gesundheit und gewalttätigem Verhalten. Bedienstete auf Sicherheitsstationen haben häufig mit Inhaftierten zu tun, die psychisch belastet oder erkrankt sind. Das Angebot stärkt ihr Wissen und ihre Handlungskompetenz. Je nach Bedarf können kollegiale Fallberatungen in die Beratungen integriert werden. Dabei werden konkrete Situationen aus dem Arbeitsalltag gemeinsam reflektiert. Da Violence Prevention Network auch direkt mit Inhaftierten arbeitet, können deren Perspektiven in den Reflexionsprozess eingebracht werden. Dies kann insbesondere in Situationen hilfreich sein, in denen Inhaftierte Bediensteten gegenüber eine eher distanzierte oder ablehnende Haltung einnehmen.
Damit die Reflexionsberatungen den tatsächlichen Anforderungen entsprechen, erfolgen im Vorfeld Bedarfsabfragen über die Abteilungsleitungen. Zusätzlich zu den Terminen im Gruppensetting haben die Teilnehmenden die Möglichkeit, individuelle Beratungen zu Themen wie Selbstfürsorge oder Stressmanagement in Anspruch zu nehmen. Diese werden telefonisch und im Online-Format angeboten.
Erste Erfahrungen
Die erste Reflexionsberatung im Jahr 2025 wurden von allen Seiten positiv bewertet. Die Gruppe traf sich für zwei Tage außerhalb der eigenen Anstalt, um Erfahrungen auszutauschen, sich mit den eigenen Belastungen auseinanderzusetzen und gemeinsam Strategien für den Alltag zu entwickeln. Grundlage dafür war ein offener und wertschätzender Austausch zwischen Teilnehmenden und Durchführenden, den alle Beteiligten als sehr bereichernd empfanden. Ein Teilnehmer fasste es in der Abschlussrunde so zusammen: „Ich brauche nicht, dass mir ständig jemand für meine Arbeit auf die Schulter klopft. Aber einmal im Jahr dieses Seminar zu haben, um uns auszutauschen und uns zu bestärken, wäre schon super.“
Ausblick
Für 2026 liegen bereits mehrere Anfragen aus niedersächsischen Justizvollzugsanstalten vor. Darunter auch die Anstalt, die an die erste Beratung aus dem Jahr 2025 anknüpfen möchte.
Mit den Reflexionsberatungen schafft Violence Prevention Network ein praxisnahes Angebot, das die psychische Gesundheit, Teamstabilität und professionelle Handlungsfähigkeit von Vollzugsbediensteten stärkt.