Praxiseinblicke
Zielgruppe: Inhaftierte

Politische Bildung im Jugendstrafvollzug

Politische Bildung findet nicht nur im Klassenzimmer statt, auch im Strafvollzug sollte es Räume für die Reflexion politischer Themen und gesellschaftliches Lernen geben.

Das Team von „Yallah Justiz – phänomenübergreifende Radikalisierungsprävention im Strafvollzug“ führte in den Sommerferien 2025 ein Bildungsprogramm im saarländischen Jugendstrafvollzug durch, um zentrale demokratische Werte zu vermitteln, Diskriminierung entgegenzuwirken und Räume für Reflexion zu schaffen. Das Programm umfasste vier Module und wurde mit zwei Gruppen à fünf Teilnehmern im Alter von 15 bis 21 Jahren durchgeführt.

Die Module im Überblick

1. Demokratie leben und verstehen: Wie funktioniert Demokratie – und wer entscheidet was? In Rollenspielen und Gruppenübungen erlebten die Teilnehmer hautnah, wie demokratische Aushandlungsprozesse funktionieren und warum Perspektivwechsel wichtig sind. Besonders die „Insel-Übung“, bei der gemeinsam Regeln entwickelt werden müssen, führte zu lebhaften Diskussionen: Was passiert, wenn jemand nicht mehr arbeiten kann? Schnell wurden Bezüge zu realen gesellschaftlichen Fragen hergestellt – etwa zur Rolle des Sozialstaats und zum Umgang mit Menschen, die keine Leistung erbringen können. Besonders intensiv wurde die Frage behandelt, wie mit Regelverstößen umzugehen ist. Die Teilnehmer stellten Bezüge zum eigenen Gefängnisalltag her und diskutierten über alternative Maßnahmen. Einige plädierten dafür, Inhaftierte durch gemeinnützige Arbeit in die Gesellschaft einzubinden, anstatt sie lediglich zu isolieren.

2. Unsere Grundrechte: Welche Rolle spielen Grundrechte im Alltag? Die Teilnehmer befassten sich mit Artikeln des Grundgesetzes und stellten direkte Bezüge zu aktuellen Krisen her. Schnell entwickelten sich Gespräche über Völkerrecht, Menschenrechte und den Krieg im Nahen Osten. Deutlich wurde: Die Jugendlichen haben ein großes Bedürfnis, auch komplexe und emotional besetzte politische Fragen zu diskutieren. Speziell zur Anwendung der Grundrechte im Gefängnis bestand ein hoher Diskussionsbedarf. Welche Einschränkungen sind im Strafvollzug legitim, welche vielleicht sogar rechtswidrig? Die Teilnehmer setzten sich kritisch mit sehr persönlichen Bezügen mit ihrer eigenen Lebensrealität auseinander.

3. Soziale Ungleichheit und Diskriminierung: In einer Übung zu Diskriminierung zeigte sich: Alle Teilnehmer hatten eigene Erfahrungen mit Ausgrenzung – zugleich gaben sie offen zu, selbst schon diskriminiert zu haben. Am stärksten sensibilisiert waren sie für Rassismus, Klassismus und Ableismus. Deutlich schwieriger gestaltete sich die Auseinandersetzung mit queeren Lebensrealitäten. Hier traten Vorbehalte, Abwehr und stereotype Vorstellungen von Männlichkeit zutage. Für viele galt weiterhin ein klares Rollenverständnis: Ein Mann muss stark sein und ist verantwortlich für die Familie. Diese Haltungen wurden gezielt hinterfragt – etwa mit der Frage, was Stärke eigentlich bedeutet und woher solche Rollenbilder stammen.

4. Verschwörungsnarrative: Anhand eines Wimmelbildes identifizierten die Teilnehmer bekannte Symbole und Erzählungen und diskutierten deren Hintergründe. Es wurde deutlich, dass Vorurteile gegenüber jüdischem Leben tief verankert sind – häufig gespeist durch Halbwissen, einseitige Quellen und fehlender differenzierter Information. Besonders im Kontext des Nahostkonflikts wurde eine Frustration gegenüber politischen Entwicklungen häufig auf „die Juden“ projiziert, was ein Hinweis darauf ist, dass die aktuelle Situation im Gazastreifen Antisemitismus befördern kann.

Begegnung, Beziehung, Bildung

Die Diskussionen machten den hohen Bedarf an Bildungsarbeit zu aktuellen Krisen und daraus resultierenden Haltungen, Medienkompetenz und politischer Aufklärung sichtbar. Besonders bei den Themen queeres Leben und Antisemitismus zeigte sich ein erheblicher Reflexions- und Bildungsbedarf. Gleichzeitig wurde deutlich, wie wichtig geschützte Räume sind, um solche Haltungen offen zur Sprache zu bringen und pädagogisch bearbeiten zu können.

Besonders spannend war, wie sich im Verlauf die Gruppendynamiken veränderten und Vorurteile abgebaut werden konnten. Ein Teilnehmer zeigte sich erstaunt über das politische Wissen eines Mitinhaftierten, der nach Deutschland geflohen ist: „Ich hätte nicht gedacht, dass du so viel über dieses Land weißt. Du weißt ja mehr als ich – und ich bin Deutscher.“ Die beiden tauschen sich seitdem öfter in der Freistunde aus – eine Verbindung, die vorher nicht existierte. Ein anderer Teilnehmer, der zuvor keine Kontakte zu anderen Inhaftierten pflegte, äußerte gegen Ende des Programms: „Es gibt hier ja doch korrekte Leute.“

In der Evaluation äußerten die Teilnehmer, dass sie über Dinge nachgedacht hätten, über die sie sonst kaum sprächen – bis hin zur selbstkritischen Reflexion: „Vielleicht sollte ich weniger hassen.“

Autor*innen: Daniel Mempel und Jamie-Lee Oster

Das Projekt „Yallah Justiz – phänomenübergreifende Radikalisierungsprävention im Strafvollzug“ wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ vom Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie dem saarländischen Ministerium der Justiz gefördert.

Stand: 2025

Träger

FITT gGmbH – Institut für Technologietransfer an der HTW des Saarlandes gGmbH

viele Gefängnisfenster in einem mehrstöckigen, dunkelroten Backsteinhaus
(c) Violence Prevention Network/FotoPloetz